Da dieser Artikel das Projekt gut darstellt, ersetzt er hier die Projektbeschreibung. Den Originaltext mit Bildern finden Sie unter: http://www.feierabend.de/Leben/Helfen-24886.htm


Die Schreibpaten - ein kreativer Workshop
(von Verena Rotermund)

"Mir hat es ganz toll gefallen, dass ich ein Geschichtenbuch machen darf", sagte Ayman Aouraghe bei der Buchvorstellung zu einer Journalisten der FAZ. Der Siebenjährige ist einer der 22 Autoren des Buches „Aliens und die Tränen von Noah - eine beinah außerirdische Geschichte“. „22 Autoren und ein Buch?“, werden Sie sich nun vielleicht fragen. In der Tat, so etwas hört man wirklich selten! Ein Projekt der Stadt Wiesbaden/Amt für Soziale Arbeit/Altenarbeit in Kooperation mit der Kindertagesstätte Terre des Hommes (Wiesbaden) hat dies 11 Kindern und 11 Erwachsenen ermöglicht. Die Initiatoren Christoph Herpel (verantwortlich für die Durchführung) und Verena Rotermund (Projektleitung) hatten die zündende Idee für das Projekt, dass zudem zeigte, dass aus einem generationsübergreifendes Miteinander eine Fülle schöner Ideen entstehen kann.

Nachdem über die Tagespresse genügend erwachsene Teilnehmer gefunden waren, trafen diese sich, um anhand von Methoden aus dem „Kreativen Schreiben“ zu lernen, wie man kleine Texte, Kurzgeschichten oder auch Märchen selbst verfasst. Nach zwei Monaten kamen die Kinder ins Projekt. Zuvor hatten sie mit den Erwachsenen „Steckbriefe“ ausgetauscht, auf denen sie neben persönlichen Angaben ihr Lieblingsbuch und ein Symbol aus dieser Geschichte eintrugen. Dies diente dem gegenseitigen Kennen lernen und sollte alle Teilnehmer miteinander ins Gespräch bringen.

Schnell wurden die Kinder mit den Erwachsenen vertraut und malten Bilder, die gemeinsam besprochen wurden. Die daraus entstandenen Inhalte verwandelten die Erwachsenen in kleine Geschichten. In der 3. Sitzung wurden dann Elemente für das spätere Buch gesammelt. Die Vorgabe war lediglich, dass die Geschichte auf einem Weg beginnen sollte. Aus den Ideen hierzu entstand der Plot für die spätere Geschichte: Aliens (auf den ausdrücklichen Wunsch der Kinder hin) landen auf der Erde und erleben einen ereignisreichen, magischen Tag mit den Kindern im Stadtpark.

Im Juni erklärte sich der Verlag für Medienpraxis und Kulturarbeit/ Ludwigshafen bereit, das Buch zu verlegen. Auch der Sozialdezernent der Stadt Wiesbaden, Arno Goßmann, der bei der Buchvorstellung im November anwesend war, zeigte sich begeistert: "So was bringt mehr als manch hehres Wort an Feiertagen, dass Alt und Jung sich achten sollen."


Ein Projekt des städtischen Seniorentreffs Adlerstraße, Wiesbaden, in Kooperation mit der Kindertagesstätte „Terre des Hommes“. In diesem Projekt ist ein Bilderbuch für Kinder im Alter von 5 bis 9 Jahren entstanden. Titel: „Aliens und die Tränen von Noah – eine beinah außerirdische Geschichte“, erschienen im Verlag für Medienpraxis und Kulturarbeit/Ludwigshafen, lektoriert von Prof. Alfons Kaiser. Auflage: 1000 Exemplare. Herausgeber ist die Stadt Wiesbaden/Amt für Soziale Arbeit/Abteilung Altenarbeit. Teilnehmer: 11 Kinder der Kindertagesstätte „Terre des Hommes“ im Alter von vier bis sechs Jahren; 11 Erwachsene im Alter von 51 bis 82 Jahren. Illustration: Charlotte Meisel. Zeitraum: Januar bis November 2008. Am 24. November 2008 stellten die Projektinitiatoren das fertige Werk in einer Präsentationsveranstaltung der Öffentlichkeit vor.

Mit vier Jahren schon Schriftsteller


Aus einem Wiesbadener Schreibworkshop für Jung und Alt entstand ein Kinderbuch. Die gemeinsame Arbeit lieferte wertvolle Erkenntnisse für ein Miteinander jenseits der Altersschranken: Bewusste Kommunikation fördert die Kreativität. Am Anfang stand wie so oft eine Vision: Die Sozialarbeiter Verena Rotermund, Inhaberin VR Coaching Mainz, und Christoph Herpel, Leiter des Städtischen Seniorentreffs Adlerstraße in Wiesbaden, fragten sich, ob sich nicht ein Gemeinschaftsprojekt für Kinder und Senioren auf den Weg bringen ließe. Heraus kam ein Kinderbuch, das auf Ideen von Kindern basiert und von Erwachsenen ausformuliert wird. Also suchten die Projektinitiatoren über Zeitungsartikel Menschen ab 50 Jahren, die als „Schreibpaten“ im Projekt mitarbeiten wollten. Voraussetzung war lediglich das Interesse an Literatur und der Wunsch, gemeinsam mit Kindern kreativ zu sein. Schreiberfahrung war absolut kein „Muss“. Und tatsächlich: Innerhalb weniger Tage fanden sich 11 Personen. Als schließlich auch die Leiterin der Wiesbadener Kindertagesstätte Terre des Hommes, Hanna Steglich, ihre Teilnahme zugesagt hatte, wurden elf Kinder im Alter zwischen 4-6 Jahren aus dieser Einrichtung ausgewählt. Und zwar solche, die Interesse an Büchern und ein gut entwickeltes Sprachvermögen zeigten. Erzählsymbole schieben die Geschichten an Dann ging es an die Arbeit: Vor dem ersten Treffen mit der Seniorengruppe besprachen Rotermund und Steglich mit der Erzieherin Leila Özkan-Krummek die Projektziele. Gemeinsam wurde die Idee von so genannten „Steckbriefen“ umgesetzt, welche die Kinder für die Senioren und diese wiederum für die Kinder gestalten sollten. Auf diesen sollten neben Name und Foto auch noch die Hobbies und Lieblingsbücher der Projektteilnehmer stehen. Nun bekamen alle die Aufgabe, ein Symbol aus ihrem Lieblingsbuch zu malen und zum ersten Treffen mitzubringen. Dies sollte die Kinder zum Erzählen aus ihrem eigenen Erfahrungsbereich mit Büchern animieren. Die Idee dahinter: Die Teilnehmer zum einen miteinander ins Gespräch bringen. Zum anderen konnte es auf diese Weise vielleicht zur Wiedererkennung etwa von Märchen kommen, die schon die Erwachsenen in ihrer Jugend fasziniert hatten. Übrigens folgte dieser Ansatz Konzepten der „Teiloffenen Arbeit“ in der Kindergartenpädagogik, die den Fähigkeiten und Neigungen der Kinder Rechnung trägt und sie zur aktiven Partizipation in ihrer Lebenswelt einladen. Die Erwachsenen bieten sich dabei als Begleiter an, aber auch als Lernpartner und Zuhörer. Schon bald zeigte sich echte Schreibroutine Im Januar 2008 trafen sich die Projektverantwortlichen zum ersten Mal mit den sehr motivierten Erwachsenen: Neun Frauen und zwei Männer mit einer abgeschlossenen Berufslaufbahn, beispielsweise als Lehrerin, Sozialpädagogin oder Architektin. Die jüngste Teilnehmerin war 51, die älteste 81 Jahre alt. Um die Teilnehmer auf das Schreiben eines Buches einzustimmen und auf kindliches Erleben vorzubereiten, schulte die Projektleiterin sie anhand von spielerischen Schreibübungen und Techniken aus dem Kreativen Schreiben in sechs Einheiten zu jeweils zwei Stunden. Besonderen Anklang fand das Schreiben von Märchen. Dies geschah mittels Märchenkarten aus dem im Amigo-Verlag, Dietzenbach, verlegten Märchenspiel „Es war einmal“. Jeder Teilnehmer zog Karten, die einen Ort, einen Charakter, einen Gegenstand, ein Ereignis und eine Eigenschaft benannten. Die „Hausaufgabe“ lautete, daraus Märchen zu erfinden und niederzuschreiben. Faszinierend, wie alle Beteiligten zunehmend Schreibroutine gewannen. Die ersten Ziele, also ein vertrauensvolles Miteinander in einer Gruppe und ein gleichzeitiger Schreibfluss, konnten vorerst als erreicht angesehen werden - mit dem Wissen, dass Entwicklungen in einem Gruppenprozess niemals als konstant, sondern immer als prozessual angesehen werden müssen. Alt trifft Jung: Inspirierende Begegnungen



Dann wurde es spannend: Im April 2008 kamen die ersten Kinder mit ins Projekt und lernten ihre „Schreibpaten“ kennen. Schnell ging bei einem ersten Treffen anfängliche Scheu verloren, und die Kinder berichteten von ihren eigenen Erfahrungen mit Büchern. Dabei waren die mitgebrachten Symbole sehr hilfreich. In diesem und zwei weiteren Treffen wurden die Kinder zum Malen animiert, die Erwachsenen „interviewten“ sie zu ihren Bildern.

Alles in allem war dies ein funktionierender Weg, kindliche und erwachsene Wahrnehmung miteinander zu verbinden. Die „Großen“ schrieben auf, was ihnen die „Kleinen“ mitteilten. Daraus entstanden schließlich die ersten Geschichten, die die Erwachsenen am Ende der Treffen der versammelten Runde vorlasen. Der schriftlichen Ausarbeitung aller Sequenzen ging grundsätzlich ein Brainstorming in drei Phasen voraus: Zunächst Ideen ohne Zensur und Bewertung „abfeuern“, dann auf ihre Realisierbarkeit prüfen und schließlich in den möglichen Ablauf eingliedern.

Aus kleinen Details formt sich das große Ganze

Anschließend versuchte die Projektleiterin etwas völlig Neues: Sie übertrug die Technik des „Clustering“ auf die Möglichkeiten der Kinder. Dabei wird ein Wort in einer Elipse in die Mitte eines Blattes geschrieben. In weiteren Elipsen kommen Worte hinzu, die zu dem entsprechenden Begriff einfallen. Daraus werden weitere Assoziationsketten gebildet, bis sich aus einer Assoziationskette eine Geschichte schreiben lässt.
Übertragen auf die Möglichkeiten der Kinder bedeutet dies, dass von einem Bild in einer Elipse ausgegangen wird. So malte pro Gruppe ein Erwachsener einen Weg auf ein großes Blatt Papier und leitete die Kinder an, die weiteren Elemente des Clusters auszumalen. Die Kleinen erfuhren hierbei große Wertschätzung, ihre Bilder waren eminent wichtig für den gesamten Prozess und so ein Teil des großen Ganzen. Wenn dies von den Kindern wohl nicht bewusst aufgenommen wurde, so tragen sie diese Erfahrung fortan in sich und können später auf die Erfahrung zurückgreifen, dass sie gemeinsam mit anderen die Grundlage für ein kreatives Werk geschaffen haben.

Nach den drei Treffen wurde es für die Erwachsenen ernst: Die einzelnen, zu den Bildern entstandenen Geschichten mussten zu einem „Gesamtkunstwerk“ verbunden werden.
Die Geschichten, die aus den Bildern und den Gesprächen darüber entstanden waren, enthielten folgende Inhalte: “Ein Spielplatz und ein Kind, dem eine Geschichte erzählt wird” (1. Geschichte), “Aliens, eine sichtbare gelbe Rakete von der Erde zum Mars, Roboter” (2. Geschichte) und in der dritten Geschichte “Aliens, die auf der Erde landen und die Grills der Menschen stehlen wollen, weil sie Hunger haben”.
Eingehend wurde auch diskutiert, warum die Kinder ausgerechnet diese Elemente vorgegeben hatten. Denn: Sie haben fast alle einen Migrationshintergrund, sind wie manche ihrer Eltern in Deutschland geboren – sprachlich zwar auf dem Entwicklungsstand deutscher Kinder, doch in einem anderen familiären Umfeld sozialisiert. Waren diese eher zufällig entstanden? So war es die Aufgabe der Erwachsenen, die Geschichte selbst mit einer Botschaft zu versehen, die einerseits einen pädagogischen Anspruch erhebt und andererseits die Ideen der Kinder aufnimmt. Interessant erschien ihnen die Möglichkeit, das Thema “Aliens” als Herausforderung anzunehmen, um den Umgang mit Andersartigkeit, anderen Sitten und Gebräuchen erzählerisch darzustellen. So stand das Thema der Geschichte bald fest:
Fakt ist: Ihr Aussehen und ihre Namen machen diese Kinder weiterhin als „Ausländer“ erkennbar. Fremd sein, anders sein, dies erschien den Teilnehmern schnell als Kernthema, das die Kinder unbewusst beschäftigte. Die Figur des „Aliens“ im späteren Buch steht hier also auch sinnbildlich für die Andersartigkeit, die anderen Sitten und Gebräuche und nicht zuletzt die unterschiedliche Wertschätzung im Umgang mit all diesen für die kindliche Wahrnehmung so unglaublich komplizierten Faktoren. Im Thema der Geschichte kam das sehr deutlich heraus: Ziemlich unvermittelt landen Aliens auf der Erde und ihre plötzliche Präsenz verlangt sowohl Aufmerksamkeit als auch Flexibilität – denn mit einem Mal ist nichts mehr so, wie es die Kinder gewohnt waren.

Akzeptanz von Anderen befeuert Kreativität

So formte sich die erste Sequenz der Geschichte: Der Stadtpark wurde zum „Bühnenbild“, die Kinder wollten dort etwas erleben. Dominierend war der Wunsch, Aliens als Hauptfiguren zu installieren. Das bedeutete aber noch mehr: Der Wunsch der Kinder, Aliens als Hauptfiguren zu installieren, verlangte von den Erwachsenen auch, Verständnis dafür zu entwickeln, Nämlich Verständnis dafür, dass die modernen Märchenfiguren im Zeitalter der Informationstechnologie nicht mehr unbedingt Ritter, Prinzen oder Feen sind.

Im Laufe des Monats Mai entstanden nun die nächsten Stationen der Geschichte: Ein Fußballspiel, bei dem gemogelt wird, eine dramatische Szene mit einem weinenden Torwart, die Wiedergutmachung durch die Aliens und ein Spiel, das diese den Menschen vorführen.

Eine Erfahrung, welche die Gruppe dabei selbst immer wieder machen musste: Andere Ideen integrieren heißt, sich selbst zurück zu nehmen um den anderen Raum für ihre Kreativität zu geben. Dies galt sowohl für die Erwachsenen wie auch für die Kinder. Ende Juni wurde schließlich die beinahe fertige Geschichte den Kindern vorgelesen. Wieder malten sie, was ihnen spontan einfiel. Es kam es zu sehr unterschiedlichen Ideen für den Ausgang der Geschichte, die von den Erwachsenen allesamt berücksichtigt und auf sehr kreative Weise integriert wurden.

Fazit: Das Projekt erfüllte erfolgreich die gesteckten Ziele wie Förderung der Gemeinschaft von Alt und Jung, die Anregung von Kreativität, aber auch – aus Sicht der Erwachsenen – den Hinzugewinn von neuen Kontakten und Freundschaften. Dies konnte nur durch die Lernbereitschaft und Offenheit der Teilnehmer erreicht werden. Für die Kinder hingegen bedeutete das Projekt nicht nur eine neue Erfahrung, sondern auch, dass sie Erwachsenen als gleichberechtigte Partner gegenübertreten konnten. Nebenbei wurde auch ihre Sprachkompetenz gesteigert, indem sie verbalisierten, was sie malend zu Papier gebracht hatten. Letztlich erfuhren die Kinder, die gleichwertig mit den Erwachsenen im Buch als Autoren genannt werden, auch eine gesellschaftliche Aufwertung – denn wer kann schon von sich sagen, dass er im Alter von vier Jahren bereits Autor geworden ist?






Die Initiatoren des Projekts

Verena Rotermund, geb. 1968 in Gießen. Von 1994-2007 als Diplom-Sozialarbeiterin tätig, seit 2007 selbstständig mit ihrer Firma VR Coaching (Mainz). Schwerpunkte: Projektbegleitung und Coaching, Leiterin von Schreibwerkstätten und -projekten.
Bei Interesse an weiteren Informationen, an einer Projektdurchführung oder -beratung schreiben Sie bitte an: rotermund@vrcoaching.de oder rufen Sie unter 06131/9321555 an.

Christoph Herpel, geb. 1968 in Oberwesel. Nach einer handwerklichen Ausbildung studierte er Sozialarbeit an der Katholischen Fachhochschule in Mainz.
Von 1999 bis 2008 leitete er den Städtischen Seniorentreff Adlerstraße in Wiesbaden. Jetzt ist er Leiter der AG-Seniorentreffs beim Amt für Soziale Arbeit der Stadt Wiesbaden
Informationen unter: christoph.herpel@wiesbaden.de, Tel.: 0611/313133.